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Was verbirgt sich hinter den Schlagworten „Paradigmenwechsel“ und „Berufung aller Getauften“?

Pfarrer Hubertus Rath

Liebe Schwestern und Brüder,

was sich am Beispiel der Diskussion um den Karfreitag als stillen Feiertag so gut darstellen ließ, das erleben wir bei vielen Gelegenheiten in unserem Gemeindeleben. Im Fachjargon des Erzbistums nennt man das zur Zeit „Paradigmenwechsel“: Die christlichen Feiertage werden mit anderen Inhalten gefüllt als mit den christlichen. Der Sonntag ist nicht mehr länger Tag des Herrn, sondern Wochenende. Ehemals wichtige festliche Anlässe wie Lobeprozessionen, Patronatstage, Kreuztrachten haben ihre ortschaftsumgreifende Bedeutung verloren. Erstkommunionen und Firmungen sind nicht mehr festliche Auftakte für ein Leben mit und in der christlichen Gemeinde, sondern festliche Endpunkte der Vorbereitungzeit.

Es liegt mir fern, über diese Entwicklung zu klagen oder gar sie moralisch zu beurteilen und ein Gut/Böse-Etikett anzuhängen. Ich nehme nur wahr, dass es unterschiedliche und vielfältige Lebensentwürfe gibt. Diese Unterschiedlichkeit und Vielfältigkeit beruht auf der persönlichen Entscheidung: Ich tue das, was mir wichtig ist, und was mir wichtig ist, bestimmt meine Tages-, Wochen-, Lebensgestaltung. Traditionen verpflichten nicht mehr aus sich selbst heraus, sondern nur, insofern ich ihren Sinn verstehe und auch vertrete.

„Früher habe ich Diskussionen in der Familie ausgelöst, weil ich mich weigerte, in die Kirche zu gehen, heute muss ich mich in der Familie rechtfertigen, weil ich in die Kirche gehe.“ Dieser Satz dokumentiert den „Paradigmenwechsel“ innerhalb einer Familie über einen kurzen Zeitraum und er deutet zugleich die Stärke und den Vorteil des „Paradigmenwechsels“ an: Ich werde hinterfragt, muss mich rechtfertigen. Dadurch vertiefe und verlebendige ich meine persönliche Entscheidung für eine christliche Lebensgestaltung. Es reicht eben nicht mehr das früher so oft gehörte „Das macht man halt so“.

Natürlich ist diese dauernde Rechtfertigung mühsamer, aber eben auch „gewinnbringender“, d.h. ich mache mir mehr Gedanken über meinen persönlichen Glauben. So wird die traditionelle Eingebundenheit zu einer bewussten persönlichen Entscheidung. Ich gehöre dazu, weil ich gerne singe (Kirchenchor, Band), weil mir soziales Engagement wichtig ist (Caritas, Eine-Welt-Kreis, Grüne Damen), weil ich meine Seele pflegen möchte (Gottesdienst, Exerzitien, Meditationen), weil mir „barocke Prachtentfaltung“ liegt und Festlichkeit anspricht (Weihnachten, Prozessionen, Sakramente) oder weil mir gemeinschaftliches Erleben wichtig ist (Zeltlager, Verbandsarbeit) oder alle diese Motive zusammen.

Diese persönliche Entschiedenheit nennt man „Berufung“. Berufung ist keine Folge des Paradigmenwechsels, sie gab es immer schon. Aber als bewusstes Zugehörigkeitskriterium tritt sie mit dem Paradigmenwechsel mehr in den Vordergrund und betont zugleich, dass nicht Traditionen und Strukturen mich binden, sondern die persönliche, gereifte Christusbeziehung. Sie ist Antwort auf den Ruf Gottes: "In dieser Offenbarung redet der unsichtbare Gott aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde und verkehrt mit ihnen, um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen." (2. Vatikanisches Konzil, Konstitution über die göttliche Offenbarung).

Ihr Pfarrer
Hubertus Rath

 


 

Den gesprochenen Text dieses Beitrages finden Sie hier.

 

 

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